Am 8. Juli 2020 hielt der Vorsitzende der Kreisgemeinschaft Osterode Ostpreussen, Burghard Gieseler anlässlich der Trauerfeier für Dieter Gasser eine Ansprache, die wir hier im Volltext wiedergeben:

„Sehr geehrter Herr Pfarrer Kopacz, sehr geehrter Herr Superintendent Eggert, sehr geehrter Herr Marschall Brzezin, sehr geehrter Herr Bürgermeister der Landgemeinde Osterode Fijas,

liebe Gemeinde

Auch wenn Sie diese Kirche bestimmt besser kennen als ich und die hier an der Kirchenwand hängende, von Dieter Gasser verfasste Tafel schon oft gelesen haben, halte ich es doch für angemessen, dass ich Ihnen den Text noch einmal vortrage, um den Verstorbenen gewissermaßen selbst zu Wort kommen zu lassen. Anlässlich der Wiedereinweihung der Kirche im Jahr 2006  formulierte Dieter Gasser:

‚Die Stadt und  der Kreis Osterode Ostpreußen, diese herrliche Landschaft mit ihren Wäldern, Fluren und Seen, Städten und Dörfern, war mehr als 600 Jahre unsere und unserer Vorfahren Heimat. Wir mußten sie in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts im Inferno am Ende des Zweiten Weltkrieges verlassen. Viele unserer Landsleute verloren damals ihr Leben.

Wir gedenken ihrer in Trauer.

Wir Überlebenden wurden in alle Gegenden westlich der Oder zerstreut. Hier haben wir mit Erfolg am Wiederaufbau des Landes mitgearbeitet und unser neues Lebensumfeld, manche von uns auch in anderen Ländern, gefunden. In unseren Herzen aber lebt die Liebe zu unserer Heimat weiter. Die Verheißung der Gnade Gottes und seines Friedens bleibt unsere Zuversicht.‘

Diesem Text stellte Dieter Gasser Jesaja 54, Vers 10 voran:

‚Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR , dein Erbarmer.‘

Es handelt sich um seinen Trauspruch, wie mir kürzlich Frau Gasser sagte, von der ich Ihnen, liebe Gemeinde, herzliche Grüße überbringe.

Am 5. Januar verstarb Dieter Gasser nach langer schwerer Krankheit fern der geliebten Heimat im Alter von 85 Jahren. Er wurde am 20. Juni 1934 in Osterode / Ostpr. geboren und verlebte seine Kindheit in der Luther-von-Braunschweig-Straße, besuchte zunächst die Jahnschule und später den – letzten – Sextanerjahrgang des Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums. Am 20. Januar 1945 musste er mit seiner Familie vor der herannahenden Roten Armee die Flucht antreten.

Dieter Gasser hat – auch das sagte mir seine Frau – Flucht und Vertreibung bis zuletzt nicht verwunden. Denn der Verlust der Heimat ist eine blutende Wunde, die niemals aufhört zu schmerzen.

Doch wie kam es zu der engen Beziehung von Dieter Gasser zu der Kirche Marienfelde? Hierzu bitte ich Sie, mit mir zunächst auf eine kleine Zeitreise zu gehen:

Wir lassen das 20. Jahrhundert mit seinen furchtbaren Kriegen, die lange Preußenzeit, die Reformation, selbst die Entdeckung Amerikas und des heliozentrischen Weltbildes durch Nikolaus Copernikus hinter uns und begeben uns in das Mittelalter, genauer gesagt: in die Blütezeit des Deutschen Ritterordens. Im Jahr 1324 wurde das Dorf Marienfelde gegründet und sogleich begannen seine Bewohner, Feldsteine zu sammeln – Sie sehen sie hier -, um in den Jahren 1386/87 diese Kirche zu errichten. In den folgenden sechs Jahrhunderten gingen die Menschen des Dorfes hier zum Gottesdienst, heirateten, ließen hier ihre Kinder taufen und konfirmieren und beweinten im Glauben an die Auferstehung ihre Lieben. Das Leben war hart, wie die vielen Kindergräber auf dem Kirchfriedhof noch heute bezeugen. Und immer wieder wurde das Land von Seuchen und Kriegen heimgesucht. Der furchtbarste aber traf das Dorf im Januar 1945, als die Hölle auf Erden über das Land hereinbrach. Vor 1945 stand diese Kirche mitten im Dorf, dicht umgeben von Häusern. Heute steht sie weitgehend allein in der Landschaft und hat keine Gemeinde mehr. Denn das Volk, das hier lebte, musste seine Heimat verlassen.

Im Jahr 1982 fiel während eines Gewitters ein Baum auf das Dach der Kirche und zerstörte es. In den folgenden Jahren verfiel die Kirche zusehends und als mein Vorgänger, Prof. Steiner, von dem ich Sie ebenfalls herzlich grüßen soll, Ende der 90er Jahre erstmals die Ruine sah, konnte er sich kaum vorstellen, dass es gelingen könnte, die Kirche Marienfelde wieder aufzubauen.

Doch das Wunder geschah. Viele halfen mit und ich will hier niemanden namentlich hervorheben. Mit einer Ausnahme: Ohne das Obdachlosenheim „Markot“ in Marwalde wäre der Wiederaufbau der Kirche nicht möglich gewesen. Denn von ihm ging seinerzeit die Initiative aus und seine Bewohner stellten ihre Arbeitskraft und ihr fachliches Können unentgeltlich zur Verfügung. Auch unsere Kreisgemeinschaft, also der Zusammenschluss der früheren Einwohner des Landkreises, griff damals tief in die Tasche.

So wurde die Kirche Marienfelde von Deutschen und Polen gemeinsam wieder aufgebaut. Dadurch wurde sie zu einem leuchtenden Symbol der Aussöhnung und des Friedens.

Diese – im wahren Sinne des Wortes – wunderbare Wiederaufbauleistung hat das enge Verhältnis Dieter Gassers zu dieser Kirche begründet.

Nach dessen Tod hat seine Familie in der Traueranzeige darum gebeten, anstelle von Blumen für die Kirche Marienfelde zu spenden. Auf diese Weise sind 1880,00 EUR zusammengekommen, die unsere Kreisgemeinschaft auf 2000,00 EUR aufgerundet hat. Ich habe nun die große Ehre, Ihnen, Pfarrer Kopacz, diesen Betrag zu überreichen.“

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