Ein Bericht von Burghard Gieseler

Als ich auf den Spuren meiner Familie im Jahr 2013 nach Osterode kam, bemerkte ich schnell, dass hier die Pflege der ostpreußischen Kultur hochgehalten wird und das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen ungewöhnlich entspannt und freundlich ist. Wohin ich auch kam, ich wurde freundlich hereingebeten und mir wurde gezeigt, was ich sehen wollte. Im ehem. Kaiser Wilhelm Gymnasium, wo mein Vater 1927 das Abitur gemacht hatte, wurde ich sogar in den Unterricht eingeladen, und die Schüler hörten sich mit großem Interesse an, was mich nach Osterode geführt hatte… Dass dieses gute Verhältnis zwischen Polen und Deutschen keineswegs selbstverständlich war, wusste ich von einem früheren Besuch. In der Zeit der kommunistischen Diktatur wurde das kulturelle Erbe Ostpreußens generell totgeschwiegen oder gar gezielt zerstört und den Deutschen schlug nicht selten offene Ablehnung entgegen. Also beschloss ich nach der Rückkehr von meiner Reise, mich in der Kreisgemeinschaft Osterode Ostpreußen zu engagieren, um mich auf diese Weise selbst für die ostpreußische Kulturpflege und die Aussöhnung einzusetzen.

Im Jahr 1950 hat sich die aus dem Landkreis Osterode Ostpreußen geflohene oder vertriebene deutsche Bevölkerung in der Kreisgemeinschaft zusammengeschlossen. In ihr suchten und fanden die entwurzelten und traumatisierten Menschen ein wenig Heimat im Kreis ihrer Schicksalsgefährten. In den ersten Jahren hofften die Heimatvertriebenen noch auf Rückkehr in ihre Städte und Dörfer. Dass das Land, in dem ihre Familien seit Jahrhunderten gelebt, geliebt und gearbeitet hatten, nun für immer verloren sein sollte, war für sie einfach unvorstellbar. Nur sehr langsam und unter großen Schmerzen drang die Endgültigkeit des Heimatverlustes in ihr Bewusstsein. Die Trauer hierüber aber blieb meist bis zuletzt.

Erst zu Beginn der neunziger Jahre, als der Zwei-Plus-Vier-Vertrag geschlossen wurde, Polen der EU beitrat und – noch wichtiger – als in der Kreisgemeinschaft eine neue Generation, nämlich diejenigen, die bei Kriegsende noch Kinder gewesen waren, die Verantwortung übernahm, richtete die Kreisgemeinschaft sich völlig neu aus. Nun trat neben die Erinnerungsarbeit die aktive Kulturpflege und – untrennbar mit ihr verbunden – die Aussöhnung zwischen den früheren deutschen und den heutigen polnischen Einwohnern des Landkreises Osterode. Nie wieder sollten Menschen durch Krieg, Flucht und Vertreibung ihre Heimat verlieren!

In der Folge des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages organisierte sich nun auch die deutsche Minderheit in Osterode und Hohenstein und schnell wuchs zwischen ihr und der Kreisgemeinschaft eine enge und bis heute unzertrennliche Freundschaft. Als sichtbares Zeichen dieser Freundschaft kaufte die Kreisgemeinschaft bereits im Jahr 1993 in Osterode das Haus in der Herderstraße 7, das sie 1994 der deutschen Gesellschaft „Tannen“ übereignete. Seit 1997 trägt es den Namen „Deutsches Haus“. Es ist zweifellos der gesellschaftliche Mittelpunkt der deutschen Minderheit und für viele Landsleute in Ost und West – und auch für mich  – schon zu einem zweiten Zuhause geworden.

Seit nunmehr drei Jahrzehnten haben die deutsche Minderheit und die Kreisgemeinschaft in enger und partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den polnischen Behörden unzählige Projekte im Bereich der Kulturpflege verwirklicht – und dabei weder Geld noch Mühen gescheut. Ohne zu übertreiben, darf man sagen, dass der Landkreis Osterode heute etwas anders aussähe, wenn es dieses Engagement nicht gegeben hätte. Ihm ist es beispielsweise zu verdanken, dass 2018 in Osterode das alte Rathaus am Markt originalgetreu wieder errichtet wurde. Die Kreisgemeinschaft stiftete hierfür die Rathausuhr und ich selbst wurde als Repräsentant der früheren deutschen Bevölkerung von den polnischen Behörden dazu eingeladen, zusammen mit dem Marschall von Ermland und Masuren und dem Bürgermeister von Osterode (Ostróda) bei der Wiedereinweihung des Rathauses eine Ansprache zu halten.

Dass Kulturpflege und Versöhnung nicht getrennt voneinander gedacht werden können, zeigt auch der Wiederaufbau der Dorfkirche in Marienfelde, auf deren Dach 1982 während eines Gewitters ein Baum gestürzt war, so dass die Kirche in den folgenden Jahren zu einer Ruine verfiel. Doch zu Beginn unseres Jahrhunderts wurde sie von Deutschen und Polen gemeinsam wieder aufgebaut, wobei die Kreisgemeinschaft im Wesentlichen die Kosten übernahm und die Polen ihre Arbeitskraft unentgeltlich zur Verfügung stellten. Durch den gemeinsamen Wiederaufbau wurde die Kirche in Marienfelde zu einem leuchtenden Symbol der Versöhnung und des Friedens.

Aber auch hier im Westen ist die Kreisgemeinschaft aktiv: In Osterode am Harz, unserer Patenstadt, haben wir ein anschauliches Osterode-Museum, das derzeit vom Niedersächsischen Museumsverband und der Universität Hannover wissenschaftlich erfasst wird. Vom Landkreis Göttingen, unserem Patenlandkreis, haben wir erst kürzlich ein geräumiges und helles Büro für unsere Geschäftsstelle und unser Archiv erhalten. Wir betreiben eine moderne informative Homepage und die Osteroder Zeitung erfreut nicht nur unsere Mitglieder, sondern erfährt auch über die Grenzen unserer Kreisgemeinschaft hinaus viel Anerkennung. Auf unseren Heimattreffen in Hamm und Lüneburg begegnen sich Schicksalsgefährten von Flucht und Vertreibung sowie ihre Nachkommen.

Liebe Leserinnen und Leser, Ostpreußen ist zwar nicht meine Heimat – das ist Niedersachsen – aber ich habe meine Wurzeln dort und deshalb fühle ich mich meinen Vorfahren nirgendwo so nahe wie in Ostpreußen.

Denn noch immer durchziehen uralte Alleen die sanften Hügel des Oberlandes. Zu ihren Seiten wogt schwer im Wind das satte Korn. Dazwischen ausgebreitet Seen und Wälder. Vereinzelte Bauerngehöfte und kleine Dörfer mit einem aus alten Feldsteinen gebauten Kirchlein in der Mitte. Darüber der weite ostpreußische Himmel… Ostpreußen als eine von Deutschen in Jahrhunderten geprägte Kulturlandschaft lebt!

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