Die Emil von Behring Gesellschaft in Hohenstein feierte am28. Juli 2018 ihr 25-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass fuhr der Vorsitzende der KGO, Burghard Gieseler vom 26. -30. Juli zu einem Arbeitsbesuch nach Ostpreußen. Lesen Sie seinen Bericht:

Die Emil von Behring Gesellschaft in Hohenstein feierte am 28. Juli 2018 ihr 25-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass fuhr ich vom 26. – 30. Juli zu einem Arbeitsbesuch nach Ostpreußen.

Nach 12-stündiger Autofahrt erreichte ich am Nachmittag des 26. 7. das Deutsche Haus in Osterode, wo ich von Frau Lipka auf das freundlichste willkommen geheißen wurde. Nachdem ich dort mein Zimmer bezogen und mich ein wenig ausgeruht hatte, kam Heinrich Hoch und fragte auch gleich, ob ich das wieder aufgebaute Rathaus sehen wolle. Natürlich wollte ich! Als wir auf den Neuen Markt kamen, war ich überwältigt. Die Vorstellung, die ich mir zuvor gemacht hatte, wurde von der Wirklichkeit bei weitem übertroffen. So schön hatte ich mir das Rathaus nicht vorgestellt. An dem Rathaustürmchen, hoch über dem Markt, prangt die von der Kreisgemeinschaft gestiftete Rathausuhr. Eine  zweisprachige Hinweistafel an der Rathauswand wird uns als Stifter benennen.

Und dann diese kleine (aber bezeichnende) Szene: Wildfremde Menschen, dem Anschein nach Arbeiter, rufen Heinrich etwas quer über den Marktplatz zu. Ich frage ihn, was sie gerufen hätten. „Sie wollten nur ihre Freude darüber zum Ausdruck bringen, dass das Rathaus wieder steht“, antwortete Heinrich.

Anschließend schlendern wir an der Burg vorbei zur Uferpromenade des Drewenzsees. Hinter uns das frisch renovierte ehemalige Kreishaus, vor uns glitzert in dem warmen Licht der untergehenden Abendsonne der See, dazwischen dunkelgrüner Rasen mit einem Spielpatz, auf dem sich fröhliche Kinder tummeln. Aus Weiden sind Gänge geflochten, durch die die Kinder toben. Unter Lauben, ebenfalls aus Weiden geflochten, suchen ältere Menschen etwas Abkühlung von der Hitze. Auf ergodynamischen Liegen, die zwar gemauert, aber mit Holz verkleidet sind, liegen Liebespärchen und blinzeln verträumt auf den See hinaus. Alles wirkt gepflegt, friedlich und harmonisch. An dieser Stelle denken Sie bestimmt: ‚Jetzt idealisiert der Gieseler aber.’Eigentlich nicht. Vielleicht liegt es daran, dass die Verhältnisse bei uns imWesten so ganz anders (geworden) sind…

Am nächsten Tag gehe ich zunächst zum ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium, setze mich auf den Schulhof – es sind ja Sommerferien- und denke an meinen Vater. Danach lasse ich mich wieder zum Drewenzsee treiben. Als ich ihn sehe, kommt mir der Gedanke: Nach der langen und anstrengenden Autofahrt des Vortages wäre doch eine Schiffsfahrt genau das Richtige. Ich erkundige mich und tatsächlich heißt es: „In 5 Minuten geht von hier ein Schiff über den Oberländischen Kanal in den Pausensee und von dort, wieder über den Oberländischen Kanal, in den Schillingsee. In AltJablonken werden Sie von einem Bus abgeholt und zurück nach Osterode gebracht. Ein Ticket ist noch zu haben.“ Ich zögere keine Sekunde.

Wieder muss ich an meinen Vater denken. Oft hat er mir erzählt, wie er einst mit dem Schüler-Ruderclub vom Drewenzsee aus zumSchillingsee und dann weiter auf dem Taber-Fließ nach Taberbrück gerudert ist.Die Dorfbevölkerung staunte nicht schlecht, als die Pennäler mit ihrem langen Ruderboot auf dem Tabersee auftauchten und mit stolzgeschwellter Brust einige Runden drehten. Daran dachte ich, während das Schiffchen durch den dunklen Forst zwischen Pausensee und Schillingsee fuhr. Plötzlich wurde es wieder hell.Vor uns funkelte der Schillingsee – lang und schmal wie ein Fjord – und über uns schien von einem klaren hellblauen Himmel mit vereinzelten Schäfchenwolken die Sonne. Da spürte ich es: Wer das Land der dunklen Wälder und kristall’nenSeen mit der Seele sucht, sollte dies möglichst vom Wasser aus tun.

Der Höhepunkt und eigentliche Anlass meiner Reise war die Feier des 25. Jubiläums der Emil von Behring Gesellschaft am 28. Juli. Erfreulicherweise wurde der Vorstand unserer Kreisgemeinschaft nicht nur durch den Kreisvertreter, sondern auch durch das Ehepaar Schweda vertreten.

In dem geschmackvoll geschmückten Festsaal, der bis auf den letzten Platz gefüllt war, herrschte eine freudig angespannte Stimmung. Die zahlreichen Grußworte, darunter auch das des Bürgermeisters von Hohenstein, hoben allesamt die vorbildliche Arbeit der Emil von Behring Gesellschaft hervor. Es war eine besonders glückliche Fügung, dass sogar der Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Stephan Grigat, es hatte einrichten können, an der Feier teilzunehmen.

Nach dessen Grußwort habe ich sinngemäß folgende Ansprache gehalten:

„Im Namen der Kreisgemeinschaft Osterode Ostpreußen überbringe ich die herzlichsten Glückwünsche zum 25. Bestehen der Emil vonBehring Gesellschaft. Zu Recht können Sie mit Freude und Stolz auf ein Vierteljahrhundert erfolgreicher Arbeit zurückblicken. Als sich die deutsche Minderheit in Hohenstein vor 25 Jahren zusammenschloss und sich nach dem großen Sohn der Stadt, Emil von Behring, benannte, waren die Verhältnisse noch sehr schwierig und auch später gab es – wie es ja ganz normal ist – Höhen und Tiefen. Aber seitdem das Duo Kuck – Eberhardt das Ruder übernommen hat, erlebt die Emil von Behring Gesellschaft einen sensationellen Aufschwung. Übrigens, hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau – aber darauf komme ich nach meiner kurzen Ansprache noch einmal zurück …

Die Emil von Behring Gesellschaft unterhält intensive und freundschaftliche Beziehungen zur Stadt Hohenstein, zu anderen deutschen Gesellschaften und natürlich zu unserer Kreisgemeinschaft. Besonders dieJugendarbeit liegt dem Vorstand der  Emil von Behring Gesellschaft am Herzen, wie ich gerade erst wieder in der jüngsten Ausgabe des ‚Mitteilungsblattes‘ der deutschen Gesellschaften gelesen habe. Dort findet sich ein schöner Bericht über ein Jugendfest, das die Emil von Behring Gesellschaft zusammen mit der Gemeinde Hansdorf (dem Geburtsort des Nobelpreisträgers) ausgerichtet hat. Angesichts der Nachwuchsproblematik, die ja auch uns nicht unbekannt ist, kann die Bedeutung der Jugendarbeit gar nicht überschätzt werden.

Erlauben Sie mir an dieser Stelle ein Wort zur Kreisgemeinschaft: Diese befindet sich – wie eigentlich die gesamte Landsmannschaft – in einem Überlebenskampf, den wir nur bestehen werden, wenn wir den Generationenwechsel schaffen und uns für alle öffnen, die sich mit unseren Zielen identifizieren können. Ob das gelingen wird, weiß ich nicht. Ich bin aber durchaus optimistisch. Denn neben der Versöhnungs- und Friedensarbeit ist das Erinnern unser zentrales Anliegen. Und angesichts von Globalisierung, Digitalisierung und der vermehrten Zuwanderung nach Deutschland verspüren viele Menschen – besonders die Enkel der Erlebnisgeneration – den Wunsch zu erfahren: Woher komme ich? Wer bin ich? DieErinnerungsarbeit der Kreisgemeinschaft trifft also auf ein zunehmend wachsendes Interesse an den eigenen Wurzeln, an der Vergangenheit. An diese erinnern wir. Wir erinnern an die reiche Kultur Ostpreußens – Namen wie Kant, Herder, Kollwitz und Lenz seien hier nur stellvertretend genannt -, wir erinnern aber auch an das Leben der einfachen Menschen in Ostpreußen und wir erinnern – natürlich – an Flucht und Vertreibung. Das alte Ostpreußen, von dem mir mein Vater, als ich noch ein kleiner Junge war, abends vor dem Einschlafen erzählte, ist in der Hölle, die im Januar 1945 über dieses Land hereinbrach, verbrannt. Aber gänzlich untergegangen ist es nicht. In der deutschen Minderheit, also in Ihnen, liebe Landsleute, lebt Ostpreußen weiter. Deshalb gehören die Ostpreußen in Ost und West zusammen. Sie sind eins! Aber – in diesen Bund wollen wir ausdrücklich auch unsere polnischen Freunde mit einbeziehen. Gemeinsampflegen nun Deutsche und Polen das kulturelle Erbe Ostpreußens.“

In meiner Ansprache hatte ich bereits angedeutet, dass hinter der so erfolgreichen Arbeit des Duos Kuck – Eberhardt starke Frauen stehen. Deshalb durfte ich nun Frau Grazyna Kuck und Frau Jadwiga Rybinska das Verdienstabzeichen der Landsmannschaft Ostpreußen verleihen. Während ich die Urkunden verlas, überreichte der Sprecher der Landsmannschaft die Anstecknadeln.

Es folgten weitere herzliche Grußworte, ein schmackhaftes Festessen und ein Vortrag von Ryszard Eberhardt über die Geschichte von Hohenstein. Der Chor der Gesellschaft der Deutschen Minderheit „Warmia“ in Heilsberg/Lidzbark Warmiński umrahmte die Feier mit fröhlich und temperamentvoll vorgetragenen Liedern. Da wundert es nicht, dass die Gäste noch lange in froher Runde zusammensaßen…

Die Emil von Behring Gesellschaft kann auf ein rundum gelungenes Fest zurückblicken, und es war mir eine Freude, dabei gewesen zu sein.

An dem dritten und letzten Tag meines kurzen Arbeitsbesuches fuhr ich mit Heinrich Hoch über Land. Unser Ziel war das Naturschutzgebiet „Kernsdorfer Höhen“. Wie immer suchte Heinrich besonders schöne Straßen aus. Auf uralten Alleen, teilweise sogar über Kopfsteinpflaster ,näherten wir uns dem „Dach Ostpreußens“. Wir erklommen den Aussichtsturm, genossen den Blick in das weite ostpreußische Land und für einen Moment ging jeder seinen eigenen Gedanken nach …

Unser nächstes Ziel war der Haasenberger Friedhof, dessen Grabsteine durchgehend – bis in die Gegenwart hinein – in deutscher Sprache beschriftet sind. Die Inschriften zeugen von der tiefen Frömmigkeit der Menschen:

„Der Eltern Hoffnung hier
im Grabe ruht,
wir beugen uns, der Herr
weiß, was er tut.“

In einer Gruft ruhen, wie ich auf einer Hinweistafel lese, die Angehörigen der Familie Kramer:

Cecil Kramer geb. 26.04.1894  gest. 22.01.1945
Nikolaus Kramer  geb. 31.10.1935   gest. 22.01.1945

Was ist am 22. Januar 1945  geschehen? Ich mag es mir nicht vorstellen.

Nachdenklich und schweigend fahren wir weiter zur evangelischen Dorfkirche in Marienfelde. Bevor wir hineingehen, schauen wir uns auch hier den alten deutschen Kirchfriedhof an. Wieder fallen die vielen Kindergräber auf. Die Kindersterblichkeit muss damals – gerade hier weitab von der Kreisstadt Osterode – sehr hoch gewesen sein. Einige Gräber sind überwuchert, die Grabinschriften kaum noch lesbar. Andere wiederum sind sehr gut zu lesen. Die alten deutschen Friedhöfe sind verwunschene Orte, die uns viel zu erzählen haben von denen, die früher einmal in diesem Land gelebt haben, denke ich mir.

Die Dorfkirche von Marienfelde war noch vor 15 Jahren eine Ruine. Das Dach eingestürzt, zum Teil auch die Seitenmauern. Die Initiative zum Wiederaufbau war – wie so oft – von Heinrich Hoch ausgegangen. Unsere Kreisgemeinschaft hat damals erhebliche Mittel zur Verfügung gestellt. Viele Menschen – sowohl Deutsche als auch Polen – haben sich beim Wiederaufbau der Kirche engagiert. Ich freue mich von Herzen über diese Wiederaufbauleistung. Im Inneren wirkt alles so, als wären die früheren Einwohner von Marienfeld nur mal kurz weg. Lediglich eine von meinem Vorvorgänger, Dieter Gasser, formulierte Hinweistafel erinnert mit eindringlichen und zugleich einfühlsamen Worten an das Schicksal der Heimatvertriebenen. Ich selbst trage in das Gästebuch der Kirche folgendes ein:

„Habe heute mit meinem Freund,
Heinrich Hoch, die wieder aufgebaute
Kirche in Marienfelde besucht. Ihm
und allen, die zum Wiederaufbau
beigetragen haben, gilt mein innigster
Dank.

Der Wiederaufbau der Kirche von
Marienfelde ist ein großartiges Beispiel
für die Pflege des ostpreußischen Kulturgutes.

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